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Die Midlife-Chance

Vom Sinn einer berufsberaterischen Standortbestimmung
und Erarbeitung neuer Perspektiven.

von Peter Meier-Classen

Der eine mehr kämpferisch, der andere mehr zögernd, aber doch mit einem guten Optimismus oder gar Idealismus streben wir in unseren beruflichen "Sturm-und-Drang"-Jahren unseren Zielen entgegen. Je näher die Lebensmitte rückt, umso mehr spüren wir, dass uns dieser Markstein etwas mehr zu schaffen macht als manch andere Hürde, die wir auf unserem Lebensweg genommen haben.

Alte Werte geraten ins Wanken und wollen neu überprüft werden. Meinungen, für die wir einst die Hand ins Feuer gehalten hätten, kommen uns selber plötzlich fragwürdig vor. Kein Wunde, dass sich da manche und mancher recht verunsichert fühlt.

Was die einen mehr als Unbehagen spüren, erleben andere als massive Verunsicherung,die das Vertrauen sowohl der Umwelt wie auch sich selber gegenüber nachhaltig erschüttern kann. Nicht selten werden dabei Beruf, Familie, mitunter sogar die eigene Existenz von Grund auf in Frage gestellt.

Allein schon das Wissen darum, dass es sich hier um eine persönliche Krise handelt, von der wohl keiner vollkommen verschont bleibt und die wir im Rahmen unseres Entwicklungsprozesses als durchaus normal betrachten können, hilft, mit dieser Situation konstruktiv umzugehen. Wer seine Krisen als Chance nutzt, geht als Gewinner daraus hervor.

Doch wer redet im Geschäftsleben schon gern von Krisen - erst recht, wenn es sich um eine ganz persönliche Krise handelt. Solche Probleme werden darum oft überspielt, es wird alles daran gesetzt, sich nur ja nichts anmerken zu lassen. Dies aber nimmt uns die Möglichkeit zu sehen, dass wir mit persönlichen Schwierigkeiten nicht alleine sind.

Jung sein ist bloss die eine Hälfte

Die Ziele, die wir uns zur Zeit unserer Berufswahl oder in den Anfängen unserer Berufspraxis gesetzt hatten, waren von mehr oder weniger hohen Idealen geprägt. Ubrigens nicht nur unsere Karriereziele: auch das Familien- und übrige Privatleben ist anfänglich voll Hoffnungen und Wünschen geprägtr, die sich im Laufe der Zeit mehr und mehr als unerfüllbar erweisen. In ihnen aber lag viel Energie, die uns motiviert hatte und uns immer wieder neuen Elan gegeben hat.

Mit dem allmählichen Verblassen solcher Ideale schwindet auch die Energie: was einst wie von selbst sich erledigte, zehrt jetzt übermässig an unseren Kräften. "Man wird halt nicht jünger", mag sich da mancher trösten. Das ist sachlich durchaus richtig, doch klingt dabei meistens auch ein resignierter Unterton mit.

Genau dies ist der Punkt, auf den wir mit Sperberaugen achten müssen: wer sein Aelterwerden nur als Verlust betrachtet, gerät mit Sicherheit aus der Balance. Zugegeben: in der Werthierarchie unserer Gesellschaft steht Jungsein weit oben. Wer jedoch diesen gesellschaftlichen Wertmassstab auch zu seinem persönlichen Wertmassstab macht, geht trüben Tagen entgegen.


Die Krise bekämpfen, ignorieren - oder akzeptieren?

Eine häufige Reaktion, mit der Krise in der Lebensmitte zurechtzukommen, ist der Versuch, die Probleme möglichst nicht wahrzunehmen, auf die Zähne zu beissen, nur ja keine Schwäche zu zeigen - weder andern noch sich selbst gegenüber.

Dadurch bleibt vorerst alles beim alten - doch der Schein trügt: Der Kampf gegen die eigene Verunsicherung erlaubt nicht mehr, das eigene Tun und Handeln zu hinterfragen. Die ursprüngliche Offenheit und Flexibilität treten langsam aber sicher in den Hintergrund und führenzu einem zunehmend rigiden, unbeugsamen Verhalten, das Einfühlung und Toleranz merkbar vermissen lässt. Dies bleibt nicht nur der Familie odfer den Arbeitskollegen, sondern auch dem oder der Betroffenen selbst nicht verborgen. Der Unwille über das eigene Verhalten, Rückzug und Isolierung machen noch unzufriedener und verstärken dadurch dieses Abwehrsystem noch mehr.

Ob die Krise bekämpft oder ignoriert wird - beides sind Versuche, mit ihr klarzukommen. Die Angst, zum "alten Eisen" zu gehören, ist dann oft ein noch stärkerer Motor als die spontane Freude und Lust an der Aktivität.

Das Bestreben, die Krise in der Lebensmitte in den Griff zu bekommen, trägt dazu bei, weiterhin im Beruf mithalten zu können. Kritischer wird es, wenn die Ursache des Konflikts weniger in der eigenen Person als mehr in der Umwelt gesucht wird. So können die naturgemäss sehr komplexen Schwierigkeiten allzu vereinfacht werden, so dass die Chance, an dieser krise zu wachsen, verpasst wird. Schon manche Ehe ist so aus scheinbar heiterem himmel zum Scherbenhaufen geworden, und manche gute berufliche Karriere wurde unvermittelt an den Nagel gehängt.

Sinnvoll wie in allen Krisen überhaupt, ist auch hier der Rat, nichts zu überstürzen. Und nicht weniger wichtig ist, sich selbst und seine Situation möglichst offen zu betrachten - sich gewissermassen auf sich selber einzulassen. Dabei ist es sehr wichtig, dass die Enttäuschung, die zuvor den äussren Umständen galt, jetzt nicht auf sich selbst gerichtet wird. Aerger auf uns selbst ist nämlich das letzte, was wir in einer krisensituation brauchen könnten. Was wir brauchen, ist ein verständnisvoller Umgang mit uns selbst - doch wer hat das schon gelernt?


Am leichtesten hat es, wer es gut mit sich meint

Je weniger wir uns selber und unserer eigenen Entwicklung wohlwollend gegenüberstehen, umso schwieriger wird es uns fallen, eine Krise konstruktiv zu nutzen. Gerade dieses Umdenken ist eine der grossen Chancen in der Lebensmitte: zu erkennen, dass die Vergangenheit nicht geändert werden kann, wie sehr wir das auch wünschen möchten.

Das Abschiednehmen von alten Träumen ist nicht leicht. Das ist ja auch verständlich, denn niemand gibt gerne etwas her, wenn er nicht etwas anderes dafür bekommt. Und damit zeigt sich eine weitere Chance der Lebensmitte: die Neu-Orientierung. Wie sieht meine zweite Lebenshälfte aus? Welche neuen Ziele sind für mich wichtig? Welches sind meine neuen Bedürfnisse? Meine neuen Möglichkeiten? Meine neuen Grenzen?

Eine Bilanz in der Lebensmitte macht unsere realistischen Möglichkeiten deutlich und zeigt, wo wir unsere Stärken am besten einsetzen und wo Grenzen sind, die zu respektieren sinnvoller ist, als die Kräfte an ihnen zu verschleissen. Persönliche Wertmassstäbe, Interessen und Neigungen strukturieren sich neu und machen deutlich, dass der Mensch auch mit zunehmendem Alter weiterhin in einem Entwicklungsprozess steht.

So kann sich auch in der Lebensmitte eine Berufsberatung, die man jetzt eher als Laufbahnberatung bezeichnet, sehr sinnvoll sein. Sowohl die öffentlichen wie auch die privaten Berufsberatungen bieten hier unterstützende Hilfe an - sowohl hinsichtlich
genauer Standortbestimmung wie auch konkreter Informationen für das Treffen neuer Entscheidungen.